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2.4. Information und Verstehen

Im letzten Abschnitt war festgestellt worden, dass Information in der Welt existiert, unabhängig davon, ob sie verstanden wird. Nun soll es darum gehen, was die Inhalte von Information sind, wie sie entstehen, und was es heißt, Inhalte von Information zu verstehen.

Betrachten wir zunächst noch ein Beispiel für die Wirkung und Übertragung von Information (Information wirkt dadurch, dass sie übertragen wird). Information, so hatten wir gesagt, ist Form oder Struktur. Dass etwas durch seine Form wirkt, ist uns von Werkzeugen her vertraut: Die Schneidwirkung eines Messers beispielsweise beruht weniger darauf, dass man beim Schneiden Kraft aufwendet, als vielmehr darauf, dass die Messerklinge in einer bestimmten Weise geformt ist, genauer: dass ihr Querschnitt der eines sehr spitzen Keils ist. Das Material der Klinge ist im Grunde gleichgültig, es muss nur deutlich fester sein als das, was geschnitten werden soll.

Wird nun mit dem Messer beispielsweise ein Apfel halbiert, dann erzeugt die glatte Fläche der Klinge glatte Schnittflächen der Apfelhälften. Diese sind für jemanden, der weiß, was ein Messer ist – und wer wüsste das nicht – ein natürliches Zeichen dafür, dass der Apfel durchgeschnitten und nicht durchgebrochen wurde. Der Ausdruck ,natürliches Zeichen‘ bedeutet aber lediglich, dass es sich nicht um ein Zeichen handelt, das absichtlich (mit einer festgelegten Bedeutung) produziert wurde.

Die Zeichenhaftigkeit ist in Wahrheit keineswegs natürlich. Es liegt nicht in der Natur der glatten Schnittflächen, ein Zeichen zu sein, denn sie sind nur ein Zeichen für ein verstehendes System, das weiß, dass solche Flächen an Apfelhälften (normalerweise) durch Schneiden mit einem Messer erzeugt werden. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Ist Rauch ein natürliches Zeichen für Feuer? Nein, auch Rauch ist an und für sich kein Zeichen, sondern nur für ein Wesen, welches weiß, dass Rauch die Folge von Feuer ist. Genauso verhält es sich mit dem Beispiel, das Fred Dretske bringt. Er schreibt:

„Wenn alles richtig funktioniert, sagt mir das Klingeln meines Telefons, dass jemand meine Nummer gewählt hat. Es liefert mir dieses Stück Information.“ [1]

Nein, das Telefon sagt überhaupt nichts, es klingelt nur. Die Schlussfolgerung, dass (eben gerade) jemand meine Nummer gewählt hat, kann ich nur dann ziehen, wenn ich bereits weiß, dass das Telefon immer dann klingelt, wenn jemand meine Nummer wählt (vorausgesetzt, dass alles richtig funktioniert). Dretske glaubt zwar einerseits, dass Information unabhängig vom Verstehen existiert, doch er nimmt einen gesetzmäßigen Zusammenhang an zwischen den Informationen, die wir empfangen, und unseren Überzeugungen (unserem Wissen). Das würde aber einen gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen Information und Verstehen einschließen. Dretske schreibt:

„Man braucht nur zu stipulieren, dass der Inhalt des Signals, die Information, die es transportiert, durch einen Satz ausgedrückt wird, der die Bedingung (an der Quelle) beschreibt, von der das Signal auf eine geregelte, gesetzmäßige Weise abhängt.“ [2]

Der entscheidende Punkt ist aber: Eine Information, d.h., eine Form oder Struktur transportiert einen Inhalt nur syntaktisch – also nur als Form oder Struktur. Der semantische Gehalt, also die Bedeutung, wird erst durch das Verstehen erzeugt und ist abhängig vom Kontext, in welchem das verstehende System die Information interpretiert.

Das gilt sogar dann, wenn eine Form oder Struktur ausdrücklich als Zeichen oder Signal gemeint ist. Wenn die Feuersirene ertönt „– – –   – – –   – – –“, dann muss ich wissen, was dieses Geräusch bedeutet, sonst sagt es mir nichts, denn die Bedeutung ist nicht im Signal enthalten. Den von Dretske erwähnten Satz, der die Bedingung an der Quelle beschreibt – also in diesem Fall: das Signal wurde ausgelöst, weil es irgendwo brennt – diesen Satz kann nur der formulieren, der weiß, was das Signal bedeutet.

Was ist nun aber der Inhalt einer Information? Wie entsteht er? Dretske hat recht, wenn er meint, dass der Inhalt einer Information nichts anderes ist als die Ursache, durch die (oder der Grund, weswegen) diese Form oder Struktur entstanden ist oder hervorgerufen wurde (die „Bedingungen an der Quelle“). Die Ursache für das Klingeln meines Telefons ist, dass jemand meine Nummer gewählt hat – und genau dies ist auch der Inhalt der Information: Ich entnehme dem Klingeln, dass jemand mich anruft – aber nur, weil ich bereits weiß, wodurch das Klingeln ausgelöst wird, d.h., weil mir die „Bedingungen an der Quelle“ bekannt sind.

Das Neue, das ich durch das aktuelle Klingeln des Telefons erfahre, ist also, dass mich gerade jetzt jemand anruft. Dieses Neue leite ich ab aus meinem bereits vorhandenen Wissen über den kausalen Zusammenhang zwischen dem Wählen einer Nummer und dem Klingeln des Telefons. Ob und wie eine Information verstanden wird, ist also davon abhängig, ob der Empfänger über ein Wissen verfügt, aus dem er die konkrete Bedeutung der aktuellen Information ableiten kann. Einige weitere Beispiele sollen das verdeutlichen:

Wenn ein Geologe einen Stein betrachtet – einen beliebigen Feldstein – dann kann er an dessen Farbe und Struktur erkennen, woraus er besteht, wie alt er ungefähr ist, ob er vulkanisch oder durch Sedimentation entstanden ist und – falls der Stein von einem norddeutschen Acker stammt – aus welchem Teil Skandinaviens er in der Eiszeit nach Süden transportiert wurde. Der Geologe kann das erkennen, weil er ein allgemeines Wissen darüber besitzt, was Farbe und Struktur von Steinen über deren Entstehung und Herkunft aussagen. Auf der Basis dieses allgemeinen Wissens kann er die Farbe und die Struktur – die Information – des konkreten Steines verstehen. Der Stein ,spricht‘ zu ihm, weil er die ,Sprache der Steine‘ versteht. Dagegen könnte ich, wenn ich den Stein in der Hand hielte, mir wohl denken, dass der Stein etwas mitzuteilen hat, aber ich bin kein Geologe und verstehe seine Sprache nicht.

Ganz ähnlich erginge es mir aber mit einem Japaner, der in seiner Sprache mit mir reden würde. Weil ich nicht japanisch kann – weil ich kein allgemeines Wissen über die Bedeutung der japanischen Wörter habe – verstehe ich nichts. Trotzdem zweifele ich nicht daran, dass die Struktur der Schallwellen, die mein Ohr erreichen, Information ist und einen Inhalt hat. Offenbar macht es für den Empfänger keinen Unterschied, ob Information als Mitteilung z.B. von einem Menschen erzeugt wurde oder in der Natur einfach vorhanden ist [3]. Wichtig ist vielmehr, ob der Empfänger in Bezug auf die Information ein verstehendes System ist, ob er also über das allgemeine Wissen verfügt, aus dem die einzelne Bedeutung abgeleitet werden kann.

Fassen wir zusammen: Informationen sind an sich keine Zeichen. Sie tragen keine Bedeutungen, sondern sie werden erst dadurch zu Zeichen und erhalten erst dadurch Bedeutungen, dass sie verstanden werden. Aber Informationen – Formen und Strukturen – sind objektiv die Folge der Ursachen, durch die (und der Gründe, weswegen) sie erzeugt, geformt, strukturiert wurden. Informationen verweisen auf diese Ursachen oder Gründe und damit auf etwas, das von ihnen selbst verschieden ist. In diesem Sinne haben Informationen einen intentionalen Gehalt. Aber Gehalt ist nicht Bedeutung, Bedeutung entsteht erst durch den ,Akt des Verstehens‘. Tom Stonier schreibt:

„Während Information eine unabhängige Wirklichkeit besitzt, gilt dies nicht für die Bedeutung. Zur Bedeutung gehört die Interpretation der Information in Bezug auf einen Kontext.“ [4]

Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen der Kausalität bei der Informations-Übertragung (wie im vorigen Abschnitt beschrieben) und dem Verstehen. Von Verstehen zu sprechen ist nur dann angemessen, wenn auch Missverstehen, auch Irrtum möglich ist. Von einem Computer werden wir nicht sagen, dass er sich irrt. Wenn die Anzeige „Error“ erscheint, werden wir annehmen, dass entweder ein Mensch – der Konstrukteur, der Programmierer oder der Nutzer – einen Fehler gemacht hat, oder dass das Gerät defekt ist [5]. Ein Mensch, der sich irrt, ist nicht defekt – die Tatsache, dass wir uns manchmal irren, ist nur die Kehrseite unserer Fähigkeit, zu verstehen. Worin diese Fähigkeit eigentlich besteht und was ihre Grundlage ist, ist Thema des nächsten Kapitels.

 

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Fußnoten

  1. Fred Dretske: Precis of Knowledge and the Flow of Information; deutsch in Thomas Metzinger, Grundkurs Philosophie des Geistes Band 3, Paderborn: Mentis-Verlag 2010; S. 312.  [⇑]
     
  2. ebenda, S. 322.  [⇑]
     
  3. Freilich basieren Botschaften gewöhnlich auf einem gemeinsamen Zeichensystem, einer Sprache, und das ,allgemeine Wissen‘ ist hier die Kenntnis dieser Sprache, Information in der Natur dagegen wird verstanden auf der Basis von Wissen über Naturzusammenhänge.  [⇑]
     
  4. Tom Stonier: Information und die innere Struktur des Universums, Berlin: Springer 1991; S. 11.  [⇑]
     
  5. John Searle hat in seinem berühmten Gedankenexperiment „Das Chinesisch-Zimmer“ * demonstriert, dass für die Verarbeitung von Informationen, wie sie in Computern erfolgt, kein semantisches Verstehen erforderlich ist. Ich denke, das ist wahr, unabhängig davon, wie komplex diese Prozesse auch sein mögen.
       Allerdings kann man wohl sagen ,dass das ,Chinesische Zimmer‘ als Gesamtsystem chinesische Inhalte speichert und syntaktisch verarbeitet, die von etwas handeln – auch wenn das System davon nichts versteht. Es geht hier darum, dass ein geistiger Gehalt und das Verstehen dieses Gehalts zweierlei sind. Ein Buch hat einen Gehalt, es handelt von etwas – aber natürlich versteht das Buch selbst davon nichts.
       *) John Searle, Geist, Gehirn und Program, in: Thomas Metzinger, Grundkurs Philosophie des Geistes Band 3, Paderborn: Mentis 2010; S, 41-68.  [⇑]
     

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