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2.5. Falschinformation

Im letzten Abschnitt hatte ich geschrieben, dass der objektive Gehalt von Information das Resultat der Ursachen und Gründe ist, die die Information (die Form oder Struktur) hervorgebracht haben. Wenn das so ist, wenn also eine Information stets die „Bedingungen an der Quelle“ [1] wahrheitsgemäß widerspiegelt, dann stellt sich die Frage, wie es zu Falschinformationen überhaupt kommen kann. Außerdem hatten wir ,Information‘ als ,Form oder Struktur‘ definiert, Formen und Strukturen sind aber nicht wahr oder falsch an sich, d.h. ohne die Erwartung und das Urteil eines Beobachters. Sie sind, wie sie sind. Wie können wir dann überhaupt von Falschinformation sprechen? Das sind die Fragen, um die es in diesem Abschnitt gehen soll.

Eine Falschinformation – so wollen wir vorläufig definieren – ist eine Information, die (a) dazu führen soll oder (b) mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass ein Empfänger etwas glaubt, das nicht den Tatsachen entspricht. Dabei wollen wir voraussetzen, dass der Empfänger die Information nicht missversteht, dass also die Schuld nicht hauptsächlich beim Empfänger liegt (man kann immer behaupten, der Empfänger hätte den Fehler bemerken oder den Betrug durchschauen können, wenn er nur klüger oder aufmerksamer gewesen wäre – trotzdem bleibt der Fehler ein Fehler und der Betrug ein Betrug).

Ein typisches Beispiel für eine Falschinformation ist eine Lüge. Aber fragen wir zunächst, ob es neben der vorsätzlichen Täuschung noch andere Arten von Falschinformationen gibt. Nehmen wir ein Beispiel: Da ich ziemlich kurzsichtig bin, kann es mir passieren, dass ich eine weit entfernte braune Kuh auf der Wiese für ein Pferd halte, Es handelt sich hier nicht um Missverstehen (der Unterschied zwischen braunen Pferden und braunen Kühen ist mir bekannt), sondern darum, dass die Information unzureichend übertragen wurde. In diesem Fall lag das an der mangelhaften Funktion meiner Augen: Die Struktur des von der Kuh reflektierten Lichtstrahlenbündels ist korrekt bis in mein Auge gelangt, aber innerhalb des Auges nicht korrekt weitergeleitet und nicht scharf auf der Retina abgebildet worden. Dadurch ist ein Teil der Struktur, also der Information, verlorengegangen. Die Restinformation ist nicht ausreichend, sodass es zu einem Fehler in der weiteren Verarbeitung (auf der Ebene der Objekterkennung) kommt. Es handelt sich hier nicht um ein Missverstehen im eigentlichen Sinne (nicht um ein Missverstehen aufgrund fehlenden Kontextwissens).

Fehler bei Informationsübertragung können auch auf Ursachen zurückzuführen sein, die nichts mit dem Empfänger (seiner Kurzsichtigkeit, Schwerhörigkeit usw.) zu tun haben, sondern mit vom Empfänger unabhängigen Faktoren wie etwa Nebel oder Lärm oder Störungen bei der Funkübertragung. In solchen Fällen treten Informationsverluste, also Verluste an Form oder Struktur auf. Ursprünglich vorhandene Unterschiede werden nivelliert oder mit anderen Informationen vermischt. Es handelt sich dann also um eine verfälschte Information, und zwar unabhängig vom Empfänger [2].

Bei Wahrnehmungseinschränkungen wie Kurzsichtigkeit oder Schwerhörigkeit sind die Informationsverluste dagegen auf eine Fehlfunktion des empfangenden System zurückzuführen. Hinzu kommt, dass man nicht scharf trennen kann zwischen einem Irrtum aufgrund unzureichender Informationsübertragung und einem Irrtum aufgrund mangelnden Kontextwissens: Hätte ich gewusst, dass der Wiesenbesitzer nur Kühe, aber keine Pferde hält, dann hätte ich trotz schlechten Sehens die Kuh wahrscheinlich als Kuh erkannt. Am Verstehen oder Missverstehen haben also drei Faktoren Anteil: die Qualität der ankommenden Information, die Weiterleitung und Verarbeitung der Information im verstehenden System [3] und dessen Kontextwissen.

Betrachten wir nun den Fall der vorsätzlichen Täuschung: Ein klassischer Fall ist der des Hochstaplers, der durch Kleidung, Reden und Verhalten vortäuscht ein anderer zu sein als er ist. Die Ursache (der Grund [4]) für die Erzeugung dieser Formen und Strukturen der Sprache und des Verhaltens ist offenbar die Absicht der Täuschung. Der Hochstapler weiß und erwartet, dass potentielle Empfänger die Informationen, die er aussendet, in einer bestimmten Weise als Zeichen verstehen, wobei die wichtigste Kontext-Voraussetzung die ist, dass die Empfänger der Information nicht wissen, dass es sich um einen Betrug handelt. Die Falschinformation ist hier also falsch aufgrund der Ursache ihrer Entstehung: der Absicht zu täuschen. Diese Tatsache ist unabhängig davon ob die Empfänger sich täuschen lassen oder nicht. Eine Lüge ist eine Lüge – unabhängig davon, ob jemand sie glaubt.

Wenn Menschen andere Menschen täuschen, dann tun sie das auf der Basis des Wissens über die Bedeutung von Zeichen oder Codes (Wörter, Gesten, Kleidung, Benehmen usw.) innerhalb einer sozialen Gemeinschaft oder überhaupt zwischen Menschen. Wenn z.B. Soldaten auf das Dach ihres Waffenlagers ein rotes Kreuz malen, dann tun sie das, weil sie wissen (oder zumindest hoffen), dass feindliche Piloten das Gebäude dann für ein Krankenhaus halten. Es stellt sich nun die Frage, ob nur Menschen zur Täuschung fähig sind. Anscheinend ist das nicht so, denn Tarnung und Täuschung finden wir auch im Tierreich. Das Chamäleon macht sich unsichtbar, indem es seine Farbe an die der Umgebung anpasst. Schwebfliegen „verkleiden sich“ als Wespen – sie sind sozusagen Hochstapler unter den Insekten. Andere Insekten geben sich den Anschein als seien sie ein Blatt (z.B. die Gespensterschrecken), um sich vor Fressfeinden zu schützen.

Natürlich können wir nicht annehmen, dass diese Tiere wissentlich Falschinformationen aussenden. Aber handelt es sich hier wirklich um Falschinformationen? Es ist eine Tatsache, dass die Schwebfliege wie eine Wespe aussieht – das Tier kann nichts dafür. Auch das Chamäleon kann nichts dafür, dass seine Farbe sich der Umgebung anpasst – das geschieht automatisch. Der Natur oder der Evolution kann man ebenfalls schwerlich die Absicht zu täuschen unterstellen. Andererseits hatten wir eine Falschinformation oben unter anderem definiert als eine Information, die mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass ein Empfänger etwas glaubt, das nicht den Tatsachen entspricht. Genau das ist aber bei Tarnung und Täuschung im Tierreich der Fall: sie macht den Fressfeind „glauben“, dass es sich nicht um eine potentielle Beute handelt, sondern um etwas Ungenießbares oder um einen gefährlichen Feind oder – im Fall des Sich-unsichtbar-Machens – um gar nichts. Oder, wie etwa im Fall des Eisbären im Schnee, tarnt sich der Räuber und lässt das potentielle Beutetier glauben es sei außer Gefahr.

Wir sollten also auch hier die Falschinformation aus den Bedingungen ihrer Entstehung erklären können – ähnlich, wie wir es oben bei von Menschen absichtlich produzierten Falschinformationen getan haben. Fragen wir zunächst, was Tarnung im Hinblick auf Form oder Struktur bedeutet: Sie bedeutet, sich (möglichst) nicht zu unterscheiden – entweder von der Umgebung (Eisbär, Chamäleon) oder von etwas, das nicht als Beute taugt (Schwebfliege, Wandelndes Blatt). Wenn Information „ein Unterschied [ist], der einen Unterschied macht“ (Gregory Bateson [5]), dann geht es bei Tarnung gerade darum, diesen Unterschied zu vermeiden, also eine bestimmte Information zu vermeiden.

Tarnung im Tierreich ist also die formale und/oder strukturelle Angleichung an die Umgebung oder an ein anderes Lebewesen oder Objekt. Diese Angleichung in Form und/oder Struktur ist eine objektive Tatsache; Das Tier ist dann getarnt – unabhängig davon, ob es selbst oder die Tatsache der Tarnung oder Täuschung wahrgenommen wird (es ist gerade dann gut getarnt, wenn es selbst und/oder die Tatsache der Tarnung oder Täuschung nicht wahrgenommen wird).

Es ist nun leicht einzusehen, dass gut getarnte Lebewesen oft Überlebensvorteile gegenüber weniger gut getarnten Artgenossen hatten und dass sich deshalb Formen, Farben, Strukturmerkmale und Verhaltensweisen der Tarnung im Verlauf der Evolution verbreitet haben – ohne dass wir der Natur eine Täuschungsabsicht unterstellen müssen. Was wir hier beobachten können, ist vielmehr eine Wirkung von Information – von Formen und Strukturen – in der belebten Natur.

Tarnung bei Tieren ist also ein Beispiel dafür, dass Falschinformation ohne Täuschungsabsicht entsteht. Auch Informationen, die von Menschen produziert werden, können falsch sein, ohne dass eine Täuschungsabsicht vorliegt – zum Beispiel dann, wenn jemand etwas Falsches behauptet, weil er es nicht besser weiß. Auch hier handelt es sich objektiv um eine Falschinformation, wenn die Information mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Empfänger dazu bringt, etwas zu glauben, das nicht den Tatsachen entspricht (wir können unterscheiden zwischen einem Fehler, der harmlos ist, weil jeder ihn als Fehler erkennen wird, und einem Fehler, der zu schweren Missverständnissen führen kann [6]). Wenn die Information als Form oder Struktur diese Eigenschaft (dieses Potential) hat, dann hat sie es unabhängig davon, ob jemand die falsche Behauptung zur Kenntnis nimmt oder glaubt. Und auch hier liegt die Ursache an der Quelle – im mangelnden Wissen desjenigen, der die Information hervorgebracht hat.

Wir können also zusammenfassend feststellen, dass die Tatsache, dass es Falschinformationen gibt, nicht unserer Annahme widerspricht, dass Information als Form oder Struktur unabhängig von einem Empfänger existiert, also unabhängig davon, ob sie wahrgenommen oder verstanden wird. Die eingangs gestellte Frage, wieso es Falschinformationen geben kann, obwohl Information als Form oder Struktur an sich weder wahr noch falsch ist, können wir – unter Berücksichtigung der beiden Fälle in der Ausgangsdefinition – wie folgt beantworten:

(a) Wenn wir sagen, dass in einer Information etwas Falsches behauptet wird, dann beziehen wir uns auf die Semantik, auf den Bedeutungsgehalt. Semantik spielt jedoch nur eine Rolle bei der Erzeugung und beim Verstehen (Interpretieren) der Struktur (z.B. einer sprachlichen Äußerung oder eines Textes). Die Struktur als solche hat keinen Bedeutungsinhalt, der wahr oder falsch sein könnte [7]. Wenn wir also 'Information' als Form oder Struktur definieren, dass kann 'Falschinformation' (im Sinne von Lüge oder Betrug) sich nur auf die Entstehung der Information beziehen.

(b) Eine Information, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Empfänger dazu bringt, etwas Falsches zu glauben, ist nicht als Form oder Struktur falsch, Sie hat vielmehr die Eigenschaft, zu bewirken, dass ein Empfänger sich irrt. Es handelt sich um eine Eigenschaft im kausal-funktionalen Sinn, das heißt, die Eigenschaft besteht in den Wirkungen, die dasjenige hervorbringen kann, das die betreffende Eigenschaft hat (z.B. hat eine Stange Dynamit die Eigenschaft, explosiv zu sein, unabhängig davon, ob sie tatsächlich explodiert). Wirken zu können ist ganz allgemein die Eigenschaft von Information, von Formen und Strukturen – bei Falschinformationen der Kategorie b haben wir es nur mit einer speziellen Art der Wirkung zu tun.

 

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Fußnoten

  1. Fred Dretske: Precis of Knowledge and the Flow of Information; deutsch in Thomas Metzinger, Grundkurs Philosophie des Geistes, Band 3, Paderborn: Mentis-Verlag 2010; S. 322. Das vollständige Zitat lautet: „Man braucht nur zu stipulieren, dass der Inhalt des Signals, die Information, die es transportiert, durch einen Satz ausgedrückt wird, der die Bedingung (an der Quelle) beschreibt, von der das Signal auf eine geregelte, gesetzmäßige Weise abhängt.“  [⇑]
     
  2. Hier ist Dretskes Forderung nicht erfüllt: die geregelte, gesetzmäßige Abhängigkeit des Signals von den Bedingungen an der Quelle ist nicht mehr gewährleistet (vergl. Zitat in Fußnote 1).  [⇑]
     
  3. Man kann argumentieren: Wenn der eigentliche Empfänger der Information das Bewusstsein ist, dann besteht zwischen Informationsverlusten bei der Übertragung im Körper (z.B. im schwerhörigen Ohr) und außerhalb des Körpers (z.B. bei Lärm) kein prinzipieller Unterschied. Das stimmt. Ich werde aber später die These vertreten, dass das verstehende (zur semantischen Verarbeitung fähige) System nicht das Bewusstsein und auch nicht das Gehirn, sondern der Organismus als Ganzes ist.  [⇑]
     
  4. Ich setze Ursachen und Gründe nicht gleich: Ursachen sind etwas Physikalisches, Gründe etwas Geistiges. Aber beide zusammen sind die „Bedingungen an der Quelle“ der Informationen, die absichtlich von Menschen (und vielleicht manchen Tieren) erzeugt werden. Für alle anderen Informationen gibt es nur Ursachen.  [⇑]
     
  5. Bateson, G. (1985). Ökologie des Geistes. Frankfurt a. M.; S. 582.  [⇑]
     
  6. Hier kann eingewendet werden, dass man im Prinzip (bei hinreichender Dummheit) jede Information falsch verstehen kann. Umgekehrt kann man behaupten: Ein hinreichend kluger Empfänger wird jede Information richtig verstehen, jeden Fehler erkennen und auf keinen Betrug hereinfallen Richtig daran ist, dass das Wissen des Empfängers stets eine Rolle beim Verstehen spielt. Würden wir aber sagen, der Empfänger sei allein für das korrekte Verstehen einer Information verantwortlich, dann gäbe es weder Lügner noch Betrüger. Das Falsche kann sowohl auf der Seite des Empfängers als auch auf der Seite des Produzenten der Information liegen, und im letzteren Fall können wir sagen, dass es sich unabhängig vom Empfänger eine Falschinformation handelt.  [⇑]
     
  7. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie Formen und Strukturen einen Inhalt haben und ihn zugleich nicht haben können. Erinnert sei hier noch einmal an Brentanos seltsam anmutende Rede von der „intentionalen Inexistenz“.geistiger Gehalte (Abschnitt 1.1). Für mich hat ein Text in deutscher oder englischer Sprache einen semantischen Gehalt, weil ich diese Sprachen verstehe und lesen kann – ich kenne den Code. Dadurch bekommt die Struktur für mich eine Bedeutung, und falls in dem Text ein semantischer Fehler ist, kann ich sagen, wie man die Struktur ändern müsste (welche Buchstaben man durch andere ersetzen müsste), um den Fehler zu beseitigen. Weil ich den Code kenne, kann die Struktur für mich also richtig oder falsch sein, doch an und für sich (unabhängig von einem Empfänger) ist sie weder wahr noch falsch.  [⇑]
     

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