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2.6. Sich selbst verstehen

In den vorangegangenen Abschnitten dieses Kapitels hatten wir folgendes angenommen: (1) Information als Form oder Struktur hat einen objektiven Gehalt – nämlich auf die Ursachen oder Gründe ihrer Entstehung zu verweisen, (2) Dieser Gehalt ist aber keine Bedeutung im semantischen Sinne. Bedeutung entsteht erst dadurch, dass die Information verstanden wird, d.h., von einem zu semantischer Verarbeitung fähigen System auf der Basis eines Kontextwissens interpretiert wird. (3) Alle Formen und Strukturen von Materie (Stoff) und Energie sind Information. – Wenn diese drei Annahmen richtig sind, dann sind auch die Strukturen (Erregungsmuster) in meinem Gehirn, von denen ich annehme, dass sie meinen Gedanken zugrunde liegen, Informationen, die wohl einen objektiven Gehalt haben, die aber nichts bedeuten, bevor sie von mir selbst verstanden werden. Das klingt zunächst befremdlich, doch ich werde in diesem Abschnitt zu zeigen versuchen, dass diese Annahme plausibel ist.

Manchmal verstehe ich etwas nicht oder missverstehe ich etwas, das von jemand anderem gesagt oder geschrieben wurde, weil mir das Wissen fehlt, das in diesem Fall zum korrekten Verstehen nötig ist. Dass ich etwas, das mein eigenes Gehirn oder mein eigener Geist hervorbringt, nicht oder nur teilweise verstehe, ist mir von meinen Träumen her vertraut. Hier scheint es zum Teil daran zu liegen, dass das nötige Kontextwissen meinem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist (obwohl es in meinem Gehirn noch gespeichert ist). Ein weiterer Grund mag sein, dass Träume Produkte nichtrationaler Gehirnvorgänge sind, die rein körperliche (,hygienische‘) Funktion haben. Aber wie verhält es sich mit Gedanken, die im Wachzustand, bei vollem Bewusstsein produziert werden? Kann man seine eigenen Gedanken missverstehen?

Meine eigenen Gedanken kann ich dagegen kaum missverstehen, weil ich über das nötige Kontextwissen verfüge, welches schließlich die Basis für die Produktion meiner Gedanken ist. Allerdings kann es vorkommen, dass mir ein Wort in den Sinn kommt, etwa ein vor langer Zeit erlernter Fachterminus oder ein Wort aus einer fremden Sprache, dessen Bedeutung ich nicht mehr sicher weiß. Ich verstehe es nicht mehr, oder ich missverstehe es gar und benutze es falsch. Das heißt, dass ein Wort als Information (als Struktur, als Lautfolge) nicht schon seine Bedeutung einschließt – auch nicht im Gehirn des Sprechers. Wenn dies für ein einzelnes Wort gilt, dann muss es erst recht für ganze Sätze gelten, seien sie gesprochen, geschrieben oder gedacht, also innerlich gesprochen: Sie schließen ihre Bedeutung nicht ein. Die Bedeutung ist immer Resultat des Verstehens.

Die Tatsache, dass wir einen gehörten oder gelesenen Satz verstehen müssen – die Tatsache also, dass es einen geistigen Prozess des Verstehens gibt, der ein Wissen über die Sprache und den Kontext erfordert – dürfte unbestritten sein. Doch wie ist es mit den eigenen verbalen Gedanken? Wenn ich einen Satz lese, der ein Gedanke von mir selbst ist, den ich vor langer Zeit aufgeschrieben habe, und ich habe inzwischen den Kontext oder die Bedeutung eines bestimmten Wortes, z.B. eines Fachbegriffs vergessen, dann kann es schwierig für mich sein, den Satz zu verstehen, obwohl es sich um meinen eigenen Gedanken handelt. Es ist also möglich, eigene Gedanken nicht zu verstehen, wenn das nötige Wissen verloren ist.

Wie ist es mit einem verbalen Gedanken, einem Satz, der mir plötzlich in den Sinn kommt, in meinem Bewusstsein aufsteigt? Kann ich unterscheiden zwischen seiner Produktion und seinem Verstandenwerden? Wenn ein verbaler Gedanke ein innerlich formulierter Satz ist, und wenn seine Formulierung eine gewisse Zeit benötigt, dann ist es unplausibel anzunehmen, der Satz sei bereits verstanden, ehe er formuliert ist. Meine eigenen Wörter verstehe ich sofort, wenn ich sie ausgesprochen habe (obwohl es vorkommen kann, dass ich ein Wort semantisch falsch gebrauche, was bedeuten würde, dass ich es nicht verstanden habe). Einen ganzen Satz zu verstehen, was u.a. einschließt zu entscheiden, ob er sinnvoll ist oder nicht – das ist erst möglich, wenn der Satz (nahezu) vollständig formuliert ist. Dies gilt für laut gesprochene ebenso wie für innerlich gesprochene, also gedachte Sätze.

Tatsächlich gibt es Situationen, in denen ich den Unterschied zwischen der Produktion eines Gedankens – oder besser: seinem Erscheinen in meinem Bewusstsein – und dem Prozess des Verstehens beobachten kann. Wenn ich über ein Problem nachdenke, um eine Lösung zu finden, und ein Gedanke, d.h. ein innerlich gesprochener Satz steigt in meinem Geist auf, dann verstehe ich sofort die Wörter, und danach, als zweiten Schritt, verstehe ich den ganzen Gedanken und und entscheide, ob er Unsinn oder eine gute Idee ist. Dasselbe geschieht, wenn ich jemand anderem zuhöre: Ich verstehe sofort die Wörter (vorausgesetzt, sie sind in meiner Muttersprache und mir vertraut), aber die Bedeutung eines ganzen Satzes verstehe ich erst, wenn der Satz (nahezu) bis zum Ende ausgesprochen ist.

Demnach können wir durchaus zwischen der Entstehung oder Produktion eines Gedankens und dem Verstehen dieses Gedankens durch den Denkenden unterscheiden, Für Gedanken gilt also dasselbe, was nach unserer Auffassung für alle Information gilt: Verstehen und Semantik sind darin nicht schon eingeschlossen, sondern der Akt des Verstehens muss hinzukommen. Es ist erst dieser Akt des Verstehens, durch den die Form oder Struktur – etwa eine Folge von Sprachlauten, erzeugt durch eine Folge von Aktivierungsmustern des Gehirns – semantisch interpretiert wird. Allerdings erfolgen das Bewusstwerden (die innere Wahrnehmung) und das Verstehen eines Gedankens normalerweise praktisch gleichzeitig, sodass es sich für unsere Selbstwahrnehmung um einunddenselben Vorgang zu handeln scheint.

Das oben Gesagte bedeutet nicht, dass die Gehirnprozesse, die den Gedanken zugrunde liegen, keinen Inhalt haben oder dass dieser Inhalt beliebig interpretierbar wäre. Die Inhalte der Gehirnprozesse, die den Gedanken unmittelbar zugrunde liegen, sind festgelegt durch Verknüpfungen, die beim Spracherwerb gebildet wurden [1]. Sie sind also das Ergebnis eines Prozesses, bei dem Inhalte (Wahrnehmungen von Dingen in der Welt, Wahrnehmungen von Wörtern sowie syntaktische und grammatische Routinen) in neuronalen Verknüpfungs-Strukturen kodiert wurden. Davon weiß der sprechende und denkende Mensch jedoch nichts. Er erfährt die Bedeutungen der Wörter nicht aus den Mustern seiner Gehirnaktivität während des (äußeren oder inneren) Sprechens, sondern durch das Verstehen der Lautfolgen, die er produziert – genau wie beim Hören auf die Rede anderer Personen.

Die Annahme, dass das verbale Denken aus zwei Teilen besteht – der Produktion von Gedanken (Sätzen) und deren Wahrnehmung und Verstehen oder der ,inneren Stimme‘ und dem ,inneren Ohr‘ – wird durch empirische Befunde der Psychologie und der Hirnforschung gestützt: Die Produktion verbaler Gedanken ist begleitet von Aktivierungen in nahezu denselben motorischen Hirnarealen wie das äußere Sprechen [2], und deren Wahrnehmung und Verstehen ist verbunden mit Aktivierungen in nahezu denselben Hirnarealen wie das Hören und Verstehen der Rede anderer Personen [3]. Manche Menschen, die an Schizophrenie leiden, hören innere Stimmen, ohne sich der Tatsache bewusst zu sein, dass die Stimmen von ihnen selbst (oder ihrem Gehirn) produziert werden, Andererseits sind Menschen, die an einer Wernicke-Aphasie leiden, nicht oder nur sehr einschränkt fähig, Sprache zu verstehen, einschließlich ihre eigene, sodass sie Schwierigkeiten haben sinnvolle Sätze zu formulieren (siehe z.B. dieses Video).

Fassen wir am Schluss dieses Kapitels die wichtigsten Annahmen über Information noch einmal zusammen: Alle Formen, Gestalten und Strukturen von Materie (Stoff) und Energie sind Information. Information hat einen objektiven Gehalt – nämlich auf die Ursachen oder Gründe ihrer Entstehung zu verweisen (weil die Form oder Struktur durch genau diese Ursachen oder aus genau diesen Gründen so und nicht anders geformt oder strukturiert wurde). Der Gehalt ist jedoch keine Bedeutung im semantischen Sinne. Bedeutung entsteht erst dadurch, dass die Information verstanden wird, d.h., von einem zu semantischer Verarbeitung fähigen System auf der Basis eines Kontextwissens interpretiert wird. Was Systeme dazu befähigt, Information semantisch zu verarbeiten, ist Gegenstand des nächsten Kapitels.

 

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Fußnoten

  1. Solche den Gedanken zugrundeliegenden Verknüpfungen sind z.B. die zwischen den Neuronen, die ein bestimmtes Wort (d.h. die Lautsequenz) repräsentieren und denjenigen neuronalen Repräsentationen, durch die wir das Wort semantisch verstehen. Das können entweder Neuronen sein, die nichtsprachliche Erinnerungen repräsentieren – z.B. mag die Lautsequenz H-U-N-D verknüpft sein mit visuellen Erinnerungen an Hunde, akustischen Erinnerungen an Gebell usw. Andererseits können es Neuronen sein, die andere Wörter repräsentieren, denn in vielen Fällen verstehen wir die Bedeutung eines Wortes durch Bezugnahme auf andere Wörter. Die Ursache dafür, dass diese neuronalen Strukturen genau diese Inhalte repräsentieren, ist der Prozess ihrer Entstehung beim Sprechenlernen: Das kleine Kind sieht z.B. einen Hund, hört zugleich von der Mutter die Lautfolge H-U-N-D und ahmt diese nach. Auch hier gilt also: Der Gehalt von Information (hier: der neuronalen Struktur) verweist auf die Ursachen und Gründe ihrer Entstehung.  [⇑]
     
  2. siehe z.B. Aleman und van’t Wout,(2004), Smith, Wilson und Reisberg (1995), Wilson (2001).  [⇑]
     
  3. siehe z.B. Brumberg et al. (2016), Kell et al, (2017), Martin et al. (2014), McGuire et al. (1996), Palmer et al. (2001), Shergill et al. (2002), Tian und Poeppel (2012), Tian, Zarate und Poeppel (2016).  [⇑]
     

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