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2. Information

2.1. Was ist Information?

Es ist Mode geworden, geistige Prozesse als Informationsverarbeitungs-Prozesse anzusehen und Lebewesen oder Gehirne als informationsverarbeitende Systeme zu bezeichnen [1]. Doch was ist eigentlich Information? Als Information bezeichne ich die Eigenschaft von Dingen oder Erscheinungen, in irgendeiner Weise geformt oder strukturiert zu sein. Die Formen und Strukturen sind Folgen vorangegangener Prozesse. Ein verstehendes System, das über das nötige Wissen verfügt, kann aus den Formen und Strukturen Rückschlüsse auf jene Prozesse ziehen.

Dieses Verständnis von Information ist nicht neu. So sagte Carl Friedrich von Weizsäcker 1959 in einem Vortrag:

„Man beginnt sich daher heute daran zu gewöhnen, daß Information als eine dritte, von Materie und Bewusstsein verschiedene Sache aufgefasst werden muß. Was man damit entdeckt hat, ist an neuem Ort eine alte Wahrheit. Es ist das platonische Eidos, die aristotelische Form, so eingekleidet, dass auch ein Mensch des 20. Jahrhunderts etwas von ihnen ahnen lernt. […] Ich werde […] Information als eine Form oder Gestalt oder Struktur auffassen.“ [2]

Zwar vertrat von Weizsäcker in jenem Vortrag – das Thema lautete „Wissenschaft, Sprache und Methode“ – die Auffassung, Information sei notwendigerweise eine sprachliche Mitteilung, doch er gab zu:

„Die modernen Biologen sprechen, z.B. in der Genetik, völlig legitim von Information. […] Dass, wenn irgendwo, dann hier die Begriffe der Informationstheorie am Platze sind, ist evident. Hier ist aber niemand, der spricht, niemand, der etwas mitteilt oder das Mitgeteilte versteht. Ich weiß hierauf keine bündige Antwort...“ [3]

Ich denke, es gibt keinen Grund, den Begriff der Information auf verbale Mitteilung zu beschränken. Der Unterschied ist, dass es sich bei Sprache und Schrift um Formen und Strukturen handelt, die von den Menschen zum Zweck ihrer Kommunikation gewissermaßen ,erfunden‘ worden sind. Im Gegensatz dazu sind die Formen und Strukturen, die wir in der Natur vorfinden, keine ,freien’ Erfindungen des menschlichen Geistes, sondern Folge natürlicher Ursachen [4]. Wenn wir jedoch annehmen, dass auch geistige Prozesse letztlich Naturprozesse sind, die den Gesetzen der Physik und dem Determinismus gehorchen (auch wenn wir das nicht ganz verstehen), dann ist der Unterschied kein grundsätzlicher.

Wenn Information die spezifische Gestalt, Form und Struktur eines Dinges oder Phänomens ist – die Gesamtheit der räumlichen, zeitlichen oder funktionalen Beziehungen der Teile eines Ganzen zueinander und zu diesem Ganzen – dann ist Information das, was jenes Ding oder Phänomen von anderen Dingen oder Phänomenen unterscheidbar macht, sodass wir es – die nötigen Wahrnehmungsmittel vorausgesetzt – als das erkennen können, das es ist. Information ist mithin die Grundlage aller Erkenntnis. Der Biologe Gregory Bateson meinte, Information sei „ein Unterschied, der einen Unterschied macht“ [5] (nämlich zum Beispiel in unserer Wahrnehmnung). Und der Physiker Thomas Görnitz schreibt:

„Nicht nur die irdische Evolution mit ihrer Herausbildung von immer differenzierteren Lebewesen, sondern auch die gesamte kosmische Entwicklung davor kann als eine Entwicklung von Gestalten angesehen werden. Da Gestalten das sind, was erkannt werden kann, verkörpern sie zugleich Information, die im Prinzip auch wahrnehmbar ist.“ [6]

Wenn ich den Begriff Information synonym für Gestalt, Form oder Struktur gebrauche, wäre es dann nicht besser, in solchen Fällen auf den Begriff Information zu verzichten? Es gibt einen guten Grund, das Wort Information zu bevorzugen: Wenn wir von Formen oder Strukturen sprechen, dann verstehen wir darunter oft etwas, das fest an einen Gegenstand und an das Material, aus dem er besteht, gebunden ist. Information ist aber gerade das, was nicht an ein bestimmtes Material gebunden ist.

Beispielsweise hat ein bestimmter Baum eine bestimmte Gestalt (einschließlich seiner Farben in einem bestimmten Licht). Ich kann den Baum sehen, weil die von ihm reflektierten (und dadurch konfigurierten) und in mein Auge einfallenden Lichtwellen diese Form (aus einem bestimmten Blickwinkel) beinhalten. Die einfallenden Lichtwellen setzen in der Retina und den nachgeordneten neuronalen Strukturen Prozesse in Gang, die ebenfalls die Gestalt und die Farben des Baumes enthalten. Die Gestalt des Baumes als Information wird also übertragen von dem Baum selbst auf eine Konfiguration von Lichtwellen und von dort auf Strukturen und Prozesse in Auge und Gehirn.

Auf einem Foto des Baumes ist seine Gestalt auf dem Papier oder auf einem Bildschirm abgebildet. Speichert man das Bild im Computer, dann sind Form und Farben in einer Sequenz aus Einsen und Nullen oder Ja/Nein-Entscheidungen codiert. Es ist deutlich: Die Gestalt des Baumes ist nicht an ein bestimmtes Material oder Medium gebunden – und genau deshalb ist die Form zugleich Information: sie ist übertragbar. Das gilt auch für dreidimensionale Formen: Beim Prägen einer Münze wird das Relief vom Prägestempel auf das Metall übertragen. Eine Kugel von 5 cm Durchmesser kann aus Eisen, Holz oder anderem Material sein.

Das heißt nicht, dass Information unabhängig von irgendeinem Medium (Materie oder Energie) existieren kann. Formen an sich – die Kugel von 5 cm Durchmesser an sich, das A als solches, Beethovens 5. Sinfonie als solche, die Form des Baumes als solche – wären Universalien, und die existieren meiner Überzeugung nach nicht (siehe dazu die Fußnote im Abschnitt 1.3).

Meine obige Begriffsbestimmung von Information entspricht weitgehend der Bedeutung des Wortes im Alltagsgebrauch. Zwar meinen wir mit Information meistens eine sprachliche Mitteilung, aber nicht immer – zum Beispiel dann nicht, wenn wir sagen, dass Satellitenbilder uns Informationen über das Wetter liefern, oder dass Forscher im arktischen Eis nach Informationen über die Veränderung des Klimas suchen. Information im Alltagsverständnis ist all das, was unser Wissen vergrößert, indem es vorhandenes Wissen ergänzt, bestätigt oder in Frage stellt.

 

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Fußnoten

  1. siehe z.B. die „Integrierte Informationstheorie“ des Bewusstseins von Giulio Tononi (ehrlich gesagt, mir erscheint diese Theorie wie ein riesiger Rahmen ohne Inhalt). Manche Forscher (z.B. Roger Penrose, Stuart Hameroff und Thomas Görnitz) glaubten oder glauben sogar, dass Quanteninformation eine entscheidende Rolle beim menschlichen Geist spielt. Ich halte das aber für unwahrscheinlich.  [⇑]
     
  2. Weizsäcker, C. F. v. (1974): Die Einheit der Natur, München; S. 51/52  [⇑]
     
  3. ebenda, S. 53  [⇑]
     
  4. Damit soll nicht gesagt sein, dass der menschliche Geist außerhalb des physikalischen Determinismus stünde. Ich denke aber, dass hochentwickelte Organismen aufgrund der instabilen Gleichgewichtszustände, die für lebende Systeme allgemein kennzeichnend sind, ein hohes Maß an Freiheit des Verhaltens in sich erzeugen. Diese ,relative‘ Freiheit besteht darin, dass das Verhalten primär durch den inneren Zustand des Systems determiniert wird. Das wird Thema eines späteren Kapitels sein.  [⇑]
     
  5. Bateson, G. (1985). Ökologie des Geistes. Frankfurt a. M.; S. 582  [⇑]
     
  6. Görnitz, Th. & Görnitz, B. (2002). Der kreative Kosmos. Heidelberg; S. 5  [⇑]
     

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